So bemerkenswert gut und lesbar das Buch gegliedert und geschrieben
ist: Schon bei der Definition von Okkultismus, DEM zentralen Schlüsselbegriff des Buches, geht
der Autor so fahrlässig wie willkürlich vor, dass man schon hier
weiß, dass er allem und jedem "Okkultismus" unterstellen
wird. So zitiert Berndt den Brockhaus mit dessen
Okkultismus-Definition, Berndts eigene wird demgegenüber als
"Sammelbegriff für die Astrologie und die Hellseherei
verwendet, also für Methoden der Zukunftsdeutung, die heutzutage von
der Wissenschaft abgelehnt werden".
Das hindert den Autor
aber nicht daran, zeitgleich im Buch auch die
gebräuchlichen Definitionen zu benutzen, wo es für ihn vermutlich von
Nutzen ist. So z. B. wenn er S. 263 von der Idee des Okkulten
schreibt, dass bestimmte Aspekte so geheim seien, dass auch enge
Vertrauenspersonen davon nichts wüssten. Sofern sie nicht
Eingeweihte sind, möchte ich hinzufügen. Dies ist eines der
zentralen Merkmale des Okkultismus, welches der Autor in der
Einleitung erst übergeht und dann später doch wieder öfter verwendet.
Zugleich bemerkt Berndt geistreich, dass unsere Zeit
eigentlich voll mit Technik sei, die man vor 400 Jahren weder hätte
erklären noch verstehen können. Dabei entging ihm bei dieser
Bemerkung, dass die Astrologie selber damals umgekehrt nicht als Okkultismus galt, vielfach wurde sie als Teil der Astronomie gelehrt
und praktiziert. Die Astrologie war und ist weder eine Geheimlehre,
noch Eingeweihten vorbehalten, auch wenn die englischsprachige
Theosophie zwischen 1880 und 1930 bekanntermaßen eine esoterische
inspirierte, abgewandelte Astrologie in ihre Anschauungen integrierte.
Gleiches gilt für den den neuen Okkultismus ab zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der sich ebenfalls bei der Astrologie bediente und häufig zusammen mit der Theosophie auftrat. Der Autor Ellic Howe, auf dessen Werk URANIAS KINDER sich Berndt so oft
bezieht, bringt genau dies ausdrücklich in seinem Abriss zur Astrologie-Geschichte zur Sprache, wenn er explizit schreibt (S.
117f.) :
"Vor 1914 waren die wenigen deutschen Astrologen entweder Theosophen oder Okkultisten oder beides. Sie betrachteten die Astrologie als eine essentielle hermetische Wissenschaft. Doch die meisten Newcomer [der zwanziger Jahre in Deutschland] interessierten sich weder für Theosophie und deren Sproß Anthroposophie noch für Okkultismus, sondern sahen in der Astrologie eine Wissenschaft..[...]"
Daher stammt das aktuellste
Astrologie-Lexikon folgerichtig von einem Astronomie-Historiker und
Universitätslehrer, in einem Wissenschaftsverlag erschienen.
Der Autor ignoriert damit die
wesentlichsten Elemente des modernen Okkultismus, der dem 19. Jh. und
vor allem der Theosophie entstammt.
Er ignoriert sie zugunsten eines willkürlichen wie sehr schlichten
Okkultismus-Begriffes, bei dem auch das Christentum mit seinem
heilsgeschichtlichen Zukunftsplan wie der Marxismus mit seinem
teleologischen Geschichtsbild der Zukunft dem Okkultismus zugehören
würden.
* * * * *
Zugleich wird bei Berndt mit "Okkultismus"
eine allmächtige, geheime und alles irgendwie erklärende, wenngleich wiederum nicht fest umrissene,
aber jedenfalls gefährliche Kraft angeboten, wenn man dem Buch folgt. Atemlos geht es
vielfach um die Frage, ob z. B. Hitler nicht richtiger Okkultist war - so, als
ob dies alle ungelöste Fragen lösen und manches mehr erklären
würde. So spekuliert der Autor in den letzten Zeilen zum
Kapitel Drittes Reich sehr freizügig, wo es um das
ungelöste Rätsel mit dem Namen Hitler geht und - nach Autor Stephan Berndt - sogar
Hitler-Biograph Fest von einer Art Nichts spreche, dem Hitlers
Entschlüsse entsprungen wären. Doch Berndt weiß überraschenderweise, Entschlüsse dieser Art könnten keiner Art Nichts
entspringen, wo Hitlers Entschlüsse also her kämen? Das Buch gibt
die Antwort...natürlich vom Okkultismus.
* * * * *
Weiter erkennt man sehr oft, wie selektiv der
Autor seine Quellen verwendet - und deutet. Ein schönes Beispiel
befindet sich auf S. 139, Berndt zitiert:
"Nachdem die
Parteiamtliche Prüfungskommision durch einen Führerverfügung [...]
eine erweiterte Verbotsfunktion auf dem Gebiet des
Schrifttums erhalten hatte, nutzte sie dies sogleich dazu aus, das
astrologische Schrifttum zu schützen und bereits erlassene Verbote,
die auf unseren Antrag hin vom Reichsministerium für Volksaufklärung
und Propaganda ausgesprochen worden waren, wieder
aufzuheben."
Berndt meint dazu, der Absatz sei eine
Sensation, er würde nicht anderes besagen, als dass Adolf Hitler um
die Jahreswende 1940/1941 höchstpersönlich durch eine
Führerverfügung dafür sorgte, dass ein Verbot okkulter Literatur
(....) von Heß & Co. wieder aufgehoben werden konnte. Doch dies
lässt sich schon aus dem abgedruckten Zitat nicht entnehmen. Das
Zitat macht deutlich, dass die Parteiamtliche Prüfungskommission
einen Führererlass, der ihr eine erweiterte Verbotsfunktion gegeben
hatte, AUCH dafür nutzte, einige Verbote astrologischer Literatur
wieder aufzuheben. Dass die Parteiamtliche Prüfungskommision mit dem "Führerstellvertreter" &
Hitler-Freund Heß gar nichts zu tun hatte, verschweigt Autor Berndt ganz
relaxt...Philipp Bouhler, wäre der passende, aber eben nicht an Hitler nahe
genug reichende Name gewesen.
Doch zitiert ja Berndt nicht vollständig,
es fehlt ein kleiner Zusatz, den er durch [...] kennzeichnet. Diesen
Zusatz habe ich selber online beim Bundesarchiv nochmals überprüft, Berndt gibt das Bundesarchiv als
Online-Quelle samt Akten-Nr. an, im Buchanhang findet sich ebenfalls der Text. Das Zitat
lautet vollständig:
"Nachdem die Parteiamtliche
Prüfungskommission durch eine Führerverfügung, die wahrscheinlich
im Zusammenhang mit dem neuen Auftrag der Reichsstelle für das
Schul- und Unterrichtsschrifttum steht, eine erweiterte
Verbotsfunktion auf dem Gebiet des Schrifttums erhalten hatte, nutzte
sie dies sogleich dazu aus, das astrologische Schrifttum zu schützen
und bereits erlassene Verbote, die auf unseren Antrag hin vom
Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda ausgesprochen
worden waren, wieder aufzuheben."
Mit dem vollständigen
Zitat wird klar, dass die sehr gewollte Deutung dieser Zeilen durch
den Autor erst recht keinerlei Grundlage gehabt hätte/hat. Hat
Berndt deswegen den 2. Teilsatz ausgelassen?
* * * * *
Ein weiteres
Beispiel von zahllosen anderen Beispielen dafür, wie der Autor
Zitate und Quellen fast beliebig einsetzt, um seinen
Okkultismus-Verdacht um fast jeden Preis zu belegen, findet sich auf
den Seiten 213 - 219 des Buches von Berndt. Er zitiert auf S. 213-214 zunächst einen
Historiker, der wiederum aus einem Tagebucheintrag vom 15.4.1945
eines sehr hohen Nazis (von Krosigk) zitiert, welcher von Treffen mit
Goebbels berichtet. Goebbels habe Hitler, so von Krosigk, einige Tage zuvor besucht
und aus einem Buch vorgelesen, um Hitler angesichts der fast
aussichtslosen Lage zu trösten. Der Historiker zitiert von Krosigk
weiter:
"Sie besprachen die Sache hin und her und ließen sich im Verlaufe der Unterhaltung zwei Horoskope kommen, die in einer von Hitlers Forschungsabteilungen sorgfältig aufgewahrt wurden: Das am 30. JANUAR 1933 gestellte Horoskop des Führers und das Horoskop der Republik, datiert 9. Nomber 1918."
Das Zitat geht noch
weiter und ist der Aufhänger einer seitenlangen Spekulation des
Autors zum Okkultismus Hitlers, seiner Astrologie-Nähe und möglichen
supergeheimen, persönlichen Astrologen Hitlers. Diese Spekulation
wird als "Beweis" offeriert, auf Basis von Wort-Deutungen
und Schlussfolgerungen wie Verdrehungen der zitierten Zeilen.
Und erst auf Seite 218 zitiert Berndt aus einem Tagebuch-Eintrag Goebbels vom
30.3. 1945 zum gleichen Thema:
"Mir wird umfangreiches Material zur Einleitung einer astrologischen oder spiritistischen Propaganda voergelegt, unter anderem auch das sogenannte Horoskop der Deutschen Republik vom 9. November 1918, wie auch das Horoskop des Führers. Beide Horoskope stimmen in frappierender Weise überein. Ich kann verstehen, dass der Führer die Beschäftigung mit solchen unkontrollierbaren Dingen verboten hat."
Ellic Howe, aus dessen
Buch URANIAS KINDER der Autor öfter zitiert und auf den er sich
häufig bezieht, bringt die beiden Zitate in der zeitlich richtigen
Reihenfolge, erst Goebbels Eintrag vom 30.3.1945, dann den
Tagebuch-Eintrag von Krosigks vom 15.4.
Howe wie Berndt erkennen,
dass die Notiz vom 30.3. die gleichen Horoskope meint, wie die
Tagebuch-Notiz vom 15.4.1945. Berndt ignoriert allerdings alle
weiteren Details von Goebbels' Eintrag. Aus Goebbels Eintrag wird
unmittelbar erkennbar, dass die beiden Horoskope TEIL umfangreichen
Propaganda-Materials waren. Sie stammen also aus Goebbels
Propaganda-Ministerium, Goebbels war ja Propaganda-Minister.
Das wird
auch im 2. Teil des Tagebuch-Zitates von Goebbels im Buch des Autors
deutlich, denn, so Goebbels im Zitat beim Autor, "für mich sind solche astrologischen Weissagungen ohne jeden Belang; aber ich habe doch die Absicht, sie für anonyme und getarnte Propaganda in der Öffentlichkeit zu benutzen, [...] ."
Und wie Berndt selber
schreibt, hat der Astrologe u. Nostradamus-Forscher Krafft 1942 für
eine der vielen Abteilungen des Propaganda-Ministerium gearbeitet.
Zusammen mit einem weiteren Astrologen, F.G. Goerner, was Berndt
allerdings verschweigt, wie er überhaupt die offensichtliche Herkunft
der beiden Horoskope ignoriert. Goerner wie Krafft hatten zusammen
Horoskope und Horoskopdeutungen für Propaganda-Zwecke zu erstellen.
Höchst wahrscheinlich stammen die beiden oben genannten Horoskope
von ihnen, samt den separat angefertigten Deutungen. Diese separate
Deutung erwähnt von Krosigk in seinem Tagebuch-Eintrag ausdrücklich
und notiert, dass DIE ALLERDINGS ERST JETZT ERFASST IST. In der Tat,
die Deutungen wurden erst rund zweieinhalb Jahre vorher erstellt,
nicht 1933.
* * * * *
Soweit in aller Kürze wenige Beispiele von
zahllosen anderen, wie - manipulativ, fahrlässig ? - der Autor mit
seinen wunderbar recherchierten Quellen arbeitet.
Noch eines: S.
181 schreibt Berndt, dass seit der Reichskanzlerschaft Hitlers ab
Januar 1933 vermehrt Horoskope erschienen wären, allerdings mit
unterschiedlichen Geburtszeiten und Aszendenten. Weiter wörtlich: "Da Hitlers genaue Geburtszeit unbekannt war, [...]".
Das trifft nicht zu.
Schon 1924 wurde sie durch Elsbeth Ebertin veröffentlicht, in einer
Schrift, auf die sich Berndt mehrfach als Quelle
bezieht, STERNENWANDEL UND WELTGESCHEHEN, S. 9. Entweder hat Berndt
einfach nur bei Elic Howe abgeschrieben, ohne STERNENWANDEL selbst in
der Hand gehabt zu haben, oder hat schlampig recherchiert oder
überging absichtlich diese Information. Jedenfalls war Hitlers
genaue Geburtszeit vor 1933 bekannt, siehe diverse
Astrologie-Artikel in diversen Zeitschriften. Allerdings korrigierten einige Astrologen die Geburtszeit z. T. erheblich, je nach eigenem Glauben und Wollen.
* * * * *
Der "okkulte" Hintergrund Hitlers, von Heß und
Himmler:
Wenn Berndt unter anderem seine Quelle Elic Howe seriös benutzt
und selber weiter recherchiert hätte, so hätte Berndt auch gewusst bzw. geschrieben, dass sich die NSDAP der
1920er Jahre in München auch aus dem Umfeld einer völkischen
Ideologie gespeist hat. Namentlich auch aus dem Umfeld der
Thule-Gesellschaft und den
Artamanen. Sowohl bei
Thule wie
Artamanen
fanden sich unter anderem gewisse
esoterische,
theosophische bzw.
ariosophische (Arier-Ideologie, Hakenkreuz!) Anschauungen. Heß war
Thule-Mitglied, Himmler bei den Artamanen, wie auch Höß und Darré.
Und sogar Alfred Rosenberg wie von Schirach sprachen 1929 auf dem
Reichsthing der Artamanen....Statt unablässig das vielseitige
Schlagwort "
Okkultismus" zu verwenden, hätte Berndt
formulieren können, dass die Ariosophie einer der ideologischen
Hintergründe der frühen NS-Bewegung gewesen war. Das hätte sich
nur nicht so mysteriös-gefährlich angehört?
Geistes- und astrologiegeschichtlich bietet mir Berndt viel zu wenig Substanz, er hat sich rätselhafterweise ohne weitere
Auseinandersetzung und vertiefte bzw. nennenswerte Kenntnis
der Geistesgeschichte, der Geschichte von Astrologie, Theosophie oder
Okkultismus und Ariosophie weitgehend "verspekuliert" . Mit umfassenden Einsatz, gekonntem Aufbau und Schreibstil, verbunden mit
großem Recherche-Aufwand, hat er ein vielfach fährlässiges Buch geschrieben. Eines, das in unübersehbar "naiver" Art.....ja....."manipulieren" bzw. zu offenkundig "lenken" möchte und daher weitgehend nutzlos geworden ist.
Dabei hätte Stephan Berndt spürbar so ziemlich alle Fähigkeiten zum hervorragenden Sachbuchautor - wenn er nicht seiner fixen Idee vom Okkultismus gänzlich alles unter geordnet und zuviel geopfert hätte.